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Diese Geschichte könnte im Jahr 2015 ungefähr so stattgefunden haben. Die Namen der Protagonisten sind frei erfunden.

Kapitel 1

Es ist kurz nach Acht Uhr morgens, als ich Hakim auf der Terrasse der Bäckerei treffe. Es ist frisch, gar ein wenig kalt. Hakim trägt einen modern geschnittenen schwarzen Mantel, seine Haare sind schön gegelt und sein scharfes Rasierwasser rundet das Bild eines südländischen Draufgängers perfekt ab. Auf dem Tisch liegt eine Packung Zigaretten, vermutlich nicht die letzte an diesem Tag. Ich setze mich zu ihm und bald darauf bekommen wir Kaffee serviert, eine Lebensnotwendigkeit, wenn ich uns beide anschaue. Ich hab noch kein Wort gesagt, da beginnt Hakim:

„Don’t worry. Everything will be okay.“

Am Vorabend saßen wir alle noch lustig zusammen. Jussuf, Hakim und ich. Die beiden arbeiten im „Türkischen Traum“, eine Mischung zwischen Pizzeria, Café und Shisha-Bar und gleichzeitig der Ort, wo ich am häufigsten meine Mittagspausen verbringe. Mittlerweile sind wir sowas wie eine Familie: ich helfe, wenn es Probleme gibt mit dem Handy oder beim Übersetzen von Behördenbriefen. Und als Gegenzug, gibt es kostenloses Esse, Shisha und feinstes Gras aus Aleppo. Wie auch immer, Jussuf, der ältere der beiden stammt aus dem Irak. Seine Familie dürfte ziemlich reich gewesen sein. Einmal wurde Jussuf gekidnappt und erst nach 30 Tagen gegen ein hohes Lösegeld freigelassen. Solche Erpressungen passierten seiner Familie immer häufiger. Irgendwann hatten Jussufs Eltern keine Lust mehr zu bezahlen. So kam es, dass sie eines Tages in ihr Auto stiegen und BUMMM. Die Explosion der Autobombe soll so groß gewesen sein, dass man bis heute nicht die Überreste seiner Eltern gefunden hat. Jussuf und seine Geschwister flohen danach nach Europa. Ein Teil seiner Familie ist noch im Irak, und um diese Teil handelt diese Geschichte. Denn seit über zwei Wochen ruft Jussufs Schwester jetzt jeden Abend verzweifelt an, er solle doch endlich seinen Cousin Ali nach Österreich bringen. Auch an diesem Abend war das nicht anders. Nach langem Trinken und kurzen Überlegen, beschlossen wir Ali zu helfen. Wo er sich genau befindet und wann wir ihn treffen würden, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber da es bei mir zuhause gerade nicht rosig zuging, wollte ich einfach nur raus und hatte Lust auf diesen Roadtrip!

Dann kreuzt Jussuf mit dem Auto auf, ist er nicht alleine, ein Kollege aus Kroatien wird auch mit einem Auto fahren. Das ist besser so, erklärt Jussuf mir später: „If there is a police, he make a call and we be going back so police don’t catch us.“ Und kurz darauf: „But don’t worry never it happened bevor. Believe me.“ Ich bin nicht besorgt. Vielleicht macht sich meine Freundin endlich mal Sorgen, wenn mir was passiert und vielleicht würde dann endlich wieder alles gut.

Der Kaffee schmeckt grausig, ich esse nur den Schaum und lass‘ ihn stehen. Wir fahren los. Ich sitze also einigermaßen gespannt aber unbesorgt in einem alten VW Touran, aus den Lautsprechern erklingt fröhliche arabische Musik, das Youtube-Video zeigt eine hübsche Sängerin in einem roten Kleid, wobei das Handydisplay so sehr wackelt. dass ich mich auch täuschen könnte. Wir bewegen uns recht schnell, meist um die 200, in Ortsgebieten gerne mal 100, nie aber zweistellig, dazu hat Jussuf keinen Bock und auch keine Zeit. Wir öffnen das erste Bier, Hakim hat noch vor der Abfahrt eine Palette Gösser aus dem „Türkischen Traum“ geschmuggelt und innerhalb kürzester Zeit überkommt mich ein Gefühl, das sich am besten mit Unsterblichkeit beschreiben lässt. Diese Leichtigkeit mit der wir dahin gleiten, niemand kann uns aufhalten, die Musik überdröhnt alles um uns herum und auch meine innere Stimme, letzte Zweifel und mein Gewissen sind nicht mehr zu hören.

Pausen machen wir nicht viele, doch jedes Mal, wenn wir bei einer Tankstelle stehen bleiben, kaufen wir ein, als gäbe es kein Morgen mehr. Whiskey, Champagner, Bier und Essen ohne Ende. Wieder im Auto, übernehme ich das Lenkrad und folge dem Kroaten über diverse Schleichwege, Feldwege und einsame Dörfer. Es ist alles andere als einfach ihm zu folgen, er fährt ziemlich genau so verrückt, wie Jussuf und überholt an den gefährlichsten Stellen, manchmal auch mitten im Ortsgebiet. Wir drohen ihn zu verlieren, also steig ich aufs Gas und überhole drei Autos vor mir. Ein Traktor auf der Gegenfahrbahn kommt uns entgegen, wir sind erst bei Auto Nummer zwei, ich reiß das Lenkrad nach rechts und BUMM! Wir sind wieder auf der Spur und unser Seitenspiegel, der ist irgendwo im Nirvana. Ich blicke zur Seite, Jussuf schüttelt die Asche von seiner Zigarette und tut so als wär nichts. In diesem Moment wirkt er wie Bud Spencer, hat aber gleichzeitig das schelmische Grinsen von einem Danny Devito. Ich werd‘ nicht mehr und muss einfach lachen. Bald lacht auch er, wir öffnen noch ein Bier und drehen die Musik noch lauter.

Kapitel 2

Wir sind mittlerweile in Slowenien, Jussuf ist wieder am Steuer und wir haben auch unsere Vorhut wieder eingeholt. Auch sie haben ihren Spaß und winken uns mit Bier und Joint aus dem Fenster. Es qualmt richtig aus deren Auto – zumindest denk ich das, bis Jussuf abrupt stehen bleibt, die Motorhaube aufreist und jetzt ist alles nur noch Rauch! Wasser haben wir nicht, also leert er 2 Dosen Bier in den Kühler. „Car like the beer.“, kommentiert er diese Dummheit mit einem fetten Grinser. Ich kann jetzt auch einen Drink vertragen und schnapp mir die bereits halbleere Whiskeyflasche von Hakim, der zum Glück stehen geblieben ist und die Situation einfach nur zum totlachen findet. Nach einer kurzen „Rauchpause“ geht es aber auch schon weiter, wie weit, weiß ich immer noch nicht, Grenzen überqueren wir ja offiziell keine, aber so langsam müssten wir in Kroatien sein. Das Wetter ist herrlich, für Oktober fast zu warm und ich genieße die Sonne, sitze nur mit Boxershorts und Unterhemd im Auto – eigentlich fast wie im Urlaub! Überhaupt läuft die Fahrt, bis jetzt, abgesehen vom Zustand des Autos recht flott und ohne Probleme. Ich rechne fest damit, dass wir Jussufs Cousin heute noch nach Österreich bringen.

Die Stimmung ist gut, Jussuf freut sich schon auf Fisch aus Kroatien, denn er ist der Meinung viel Fisch, steigert die Potenz oder wie er es ausdrückt: „If you eat the fish and then make the sex you wife becoming pregnant, believe me.“ Hakim sieht währenddessen selbst aus wie ein Fisch, seine Augen sind vom vielen Kiffen so riesig und obwohl er ziemlich fertig aussieht, strahlt er eine innerliche Freiheit und Zufriedenheit aus. Es ist jetzt ungefähr 3 Uhr Nachmittags und obwohl wir so viel getrunken haben, haben wir einen Mordshunger, als könnten wir zusammen ein Pferd verspeisen. Und genau so wird auch bestellt, als wir endlich bei einem kroatischen Restaurant stehen bleiben: Jussuf bestellt 3 Mal den Fisch vom Grill, Hakim möchte zwei ganze Backhendl und der Kroate überredet mich einen riesigen Suppentopf mit einer Art Gulasch mit ihm zu teilen. Es ist eine Fressorgie sondergleichen und mir platzt schon der Magen, da bestellt Jussuf auch noch eine Riesenportion Tiramisu. Er hat an diesem Tag die Spendierhose an und bezahlt für uns alle. 

Wir sind noch keine fünf Minuten im Auto, da fällt Jussuf ein, dass er sein Handy im Lokal hat liegen lassen. Und mit dem Handy auch den einzigen Kontakt zu seinem Cousin Ali. Es bleibt keine Zeit mehr das Auto vor uns zu informieren, wir drehen um. Glücklicherweise liegt das Handy noch da, aber jetzt haben wir ein ganz anderes Problem: Das Auto vor uns ist verschwunden, wir haben keinen Plan welchen Weg sie genommen haben und zusätzlich gibt es hier kein Handynetz. Wir fahren einfach die Straße weiter, in der Hoffnung wieder unseren Kroatischen Freund zu finden. Doch es kommt anders und vor uns ist plötzlich das, was so ziemlich jeder erwartet, der nicht über Schleichwege in ein fremdes Land fährt: die Grenzpolizei!

Kapitel 3

Published in Deutsch

Zenon

Der Verfasser dieser Texte möchte vorerst unerkannt bleiben, nennen wir ihn doch einfach Zenon. Die spannendsten Geschichten im Leben passieren oft unerwartet, nicht geplant und vor allem dann, wenn wir Wagnisse eingehen, die nicht immer ganz erlaubt sind. littlebitillegal hält diese Momente in einer ehrlichen und authentisch Weise fest, wobei es jedem Leser selbst überlassen bleibt, über den Wahrheitsgehalt der jeweiligen Geschichten zu urteilen.

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